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Auf dem Weg an die europäische Außengrenze

Vier junge Menschen wollen Ende des Monats von Göttingen aus Richtung Griechenland, Mazedonien und/oder Serbien aufbrechen, um die Flüchtlinge auf ihren Fluchtrouten zu unterstützen – mit Lebensmitteln, Medikamenten, Internet und Strom. Im Interview mit Göttingen hilft berichtet die Gruppe von ihrem Vorhaben, ihren Vorbereitungen und wie man ihre Erfahrungen vor Ort über das Internet mitverfolgen kann.

Göttingen hilft: Wer seid ihr eigentlich und was genau habt ihr vor?

Travelling Bureau: Wir sind vier Freund_innen aus Göttingen, die schon lange die Diskussionen in Deutschland zum Thema Migration verfolgen. Ein Teil von uns studiert, ein Teil arbeitet und hat sich nun extra Urlaub genommen für die Fahrt.
Nach Gesprächen mit anderen Gruppen, die schon in ähnlicher Weise unterwegs waren, haben wir entschieden, dass es sinnvoll wäre auf der Fluchtroute – neben Überlebensnotwendigem, wie Lebensmitteln und Medikamenten – Internet und Strom zur Verfügung zu stellen. Die meisten Geflüchteten haben Smartphones, über die sie sich organisieren und vernetzt sind. Wichtig ist das auch, damit sie sich wiederfinden oder ihre Familien auch auf der Flucht kontaktieren können. Wir wollen also Geflüchtete ganz konkret auf ihren Routen unterstützen, damit sie ihr Menschenrecht auf Asyl überhaupt erst wahrnehmen können.
Ganz wichtig ist uns aber auch unsere Eindrücke und Erfahrungen zu dokumentieren. Wir wollen vor allem sichtbar machen, was es heißt, wenn in Deutschland von Überforderung und Obergrenzen gesprochen wird. In den letzten Monaten war zu beobachten, dass nach und nach in den meisten Ländern nur noch Menschen aus Syrien, Irak und Afghanistan legal über die Grenzen gelassen werden. Migration ist aber nicht aufzuhalten durch formelle Obergrenzen. Wenn Menschen ihre Länder verlassen müssen, weil sie dort nicht mehr leben wollen und können, dann gehen sie trotzdem. Das heißt aber für jene Illegalisierten, dass sie sich über die viel gefährlicheren, inoffiziellen Wege durchschlagen müssen. Oft genug werden sie dabei überfallen, ausgeraubt oder verprügelt. Diesen Zusammenhang zwischen Diskussionen in Deutschland und sich verschlechternden Situationen bis hin zu massiven Menschenrechtsverletzungen auf der Flucht sichtbar und verständlich zu machen, ist uns ein großes Anliegen.

Göttingen hilft: Wie ist die Idee zu eurer “Reise” entstanden? Wie lange seid ihr bereits mit den Vorbereitungen beschäftigt und was musstet ihr dabei alles beachten?

Travelling Bureau: Die Idee entstand auf dem Rückweg von einem Kurzurlaub. Wir saßen im Auto, das Radio lief. Und wieder einmal war zu hören, dass Wohnheime in Deutschland von Nazis angegriffen werden, irgendjemand von Überforderung redet und der Regierung nur einfällt von Obergrenzen zu reden. Warum sind wir eigentlich überfordert? Wer von uns schläft bei Minusgraden irgendwo in den Bergen in Mazedonien oder Serbien, in der Hoffnung weder von der Polizei noch von Prügelbanden gefunden zu werden? Wer von uns hat Krieg und politische Verfolgung erlebt? Da war uns klar, dass wir unsere Komfortzone verlassen müssen und etwas tun müssen. Wir haben das Gefühl, es passiert gerade in ganz Europa etwas, das große Veränderungen mit sich bringt. Vor einem halben Jahr haben wir einen großartigen Sommer der Migration erlebt, in dem sich Flüchtende zu tausenden ihren Weg selbstbewusst aus ihrem jahrelangen Elend in Flüchtlingslagern in der Türkei und dem Libanon durch den Balkan gebahnt haben. In vielen deutschen Städten haben sich Helfende zusammengeschlossen, die vieles ausgleichen, was der deutsche Staat Geflüchteten verwehrt. Nach und nach wird aber dieser entstandene Fluchtkorridor über den Balkan von der EU und den verschiedenen Nationalstaaten wieder versucht zu schließen, nicht zuletzt auf Druck von Deutschland. Deswegen haben wir entschieden, dass wir genau dort hin wollen, wo sich in der Praxis und im Alltag zeigt wie offen oder geschlossen die europäischen Grenzen sind. Dabei war klar, dass wir die unterstützen müssen, die sich ihr Recht auf Asyl nicht durch einen Zaun nehmen lassen.
Naja, so viel zu den Überlegungen. Dann gingen die Planungen los. Wichtig ist uns dabei den Überblick zu behalten über all die Geschehnisse. Wie verändert sich die Situation, an welcher Grenze und in welchem Land passiert gerade was? Wir haben versucht Kontakte aufzubauen zu Leuten von vor Ort. Und natürlich sind wir auch nicht die ersten, die sich aus Göttingen auf den Weg gemacht haben. Wir haben also viel mit den “Reisegruppen” gesprochen, um ihre Erfahrungen und Tipps mitzunehmen. Wir wollten erfahren, welche Strukturen es schon gibt und wie wir uns da sinnvoll einklinken können. Gerade sind wir alle tagtäglich mit kleineren Vorbereitungen beschäftigt. Aber es ist auch schön zu sehen, wie viel man auf die Beine stellen kann und was man alles organisieren kann. Auch die Unterstützung und Zuarbeit von Freund_innen, Arbeitskolleg_innen und Bekannten ist riesig und sehr wertvoll.

Göttingen hilft: Wann wollt ihr aufbrechen und wie lange werdet ihr unterwegs sein?

Travelling Bureau: Wir brechen Ende Februar für 3 Wochen auf. Wir haben zwei private PKWs. Wir haben uns entschieden keine Sachspenden mitzunehmen, sondern lieber ein gut gedecktes Spendenkonto. Dadurch brauchen wir nicht so viel Platz und können natürlich auch vor Ort gezielt und meist auch günstiger genau das kaufen, was gerade wirklich gebraucht wird und sinnvoll ist. Die Ausnahme sind Medikamente, von denen wir einen gewissen Grundstock, besonders von Schmerz- und Durchfallmedikamenten, mitführen.

Göttingen hilft: Wo genau wollt ihr euch engagieren und wie wollt ihr helfen?

Travelling Bureau: Wir wollen voraussichtlich nach Griechenland, Mazedonien und/oder Serbien. In Griechenland an der Grenze zu Mazedonien kamen bis vor Kurzem keine Flüchtenden mehr durch, auch Syrer_innen, Iraker_innen und Afghan_innen nicht. Die Taxifahrer_innen und Busfahrer_innen in Mazedonien streiken und blockieren den Bahnverkehr, weil sie mehr an den Flüchteten verdienen wollen. Das führt dazu, dass sich in Idomeni, das ist der kleine Grenzort auf der griechischen Seite, derzeit um die 10 000 Menschen sammeln. In den letzten Tagen konnten wir von Fußmärschen und Highway Blockaden von den Geflüchteten lesen, die weiter möchten.
In Mazedonien sind viele Menschen unterwegs. Manche werden auf offener Straße attackiert. Es gibt aber gut funktionierende Hilfsstrukturen, die wir anlaufen wollen. In Serbien gibt es bisher weniger Hilfsstrukturen, die müssten neu aufgebaut werden.
Wir sehen uns dabei als Unterstützer_innen. Die Geflüchteten haben zum Teil schon sehr lange Wege zurück gelegt. Manche haben schon den ganzen Iran und die Türkei durchquert, oft tatsächlich zu Fuß. Andere kommen aus Marokko über den Balkan, haben also auch schon eine gute Strecke mit vielen Hindernissen hinter sich. Die wissen was sie tun müssen! Wir versuchen also ein bisschen warmen Tee, Decken und Kontaktmöglichkeiten bereit zu stellen.
Die Unterstützungsarbeit für Geflüchtete wird aber zunehmend schwerer, weil die EU das unterbinden möchte. Menschen im Auto mitzunehmen ist zum Beispiel ganz streng verboten. Dafür geht man ins Gefängnis. Auch Deutsche werden immer mehr an den verschiedenen Grenzen kontrolliert, Anfang Februar wurde ein Haus von Helfenden an der griechischen Grenze von der Polizei durchsucht. Die EU Innenministerkonferenz hat am 27.01.2016 die Absicht bekundet, dass die EU freiwillige Helfende, die nicht über ein offizielles, z.B. vom UNHCR betriebenes Lager, registriert sind, wie Schlepper_innen behandeln möchte. Dennoch bietet unser deutscher Pass noch immer Privilegien und Polizei, Grenzbeamte und das Militär behandeln uns anders. Wir können in ziemlich jedes Land auf der Welt reisen, ohne die geringsten Schwierigkeiten.

Göttingen hilft: Was wollt ihr durch euren Einsatz erreichen?

Travelling Bureau: Wir wollen vor allem die Flüchtenden empowern, ihr Menschenrecht auf Asyl wahrzunehmen, eben durch die beschriebene Unterstützung und das Bereitstellen von Infrastruktur.
Wir wollen zweitens durch die Dokumentation von vor Ort sichtbar machen, welche Auswirkungen hiesige Debatten über Grenzsicherung, Überforderung und Obergrenzen auf die Situationen und unmenschlichen Bedingungen vor Ort haben. Wir wollen aber auch zeigen, dass Leute sich nicht unterkriegen lassen und Migration nicht aufhaltbar ist – egal wie hoch die Zäune und wie militarisiert die Grenzen und Gewässer sind. Das einzige was die EU erreicht, wenn sie die Abschottung und Gewalt weiter hoch fährt, sind massive Menschenrechtsverletzungen. Es ist aber scheinheilig in alle Welt Soldat_innen für die Menschenrechte zu schicken, während die größten Verletzung der Menschenrechte von der EU selber an ihren eigenen Außengrenzen betrieben werden. Genau das wollen wir sichtbar und durch Material von vor Ort auch erfahrbar machen.
Wir sehen gerade eine gesellschaftliche Umbruchsituation und an der Wollen wir teilhaben und sie im Positiven beeinflussen. Das Gerede von der Angst, dass das europäische Abendland überrannt wird, ist doch selbstgefällig. Klar, es kommen Millionen von Menschen hier her, die Europa bisher hat am langen Arm der Ignoranz verhungern lassen. Jetzt kommen uns die Leidtragenden unseres Wohlstandes und unserer Privilegien besuchen. Das wird diese Gesellschaft verändern, aber da freuen wir uns drauf! Europa wird nicht überrannt, sondern eine globale Situation der absurden Ungerechtigkeit ein bisschen ausgeglichen und dieser globalen Realität muss sich unsere Gesellschaft jetzt halt mal stellen. Gut so. Wir wollen gesellschaftlichen Wandel gestalten.

Göttingen hilft: Benötigt ihr noch Unterstützung?

Travelling Bureau: Ganz konkret brauchen wir Geld für Essen, für Tee, für die ganzen technischen Geräte. Manchmal werden wir warme Socken oder neue Schuhe für um die 100 Leute einkaufen müssen. Wahrscheinlich werden wir viel hin und her fahren, um die Sachspenden von vor Ort entlang der Route zu verteilen – also brauchen wir auch Spritgeld. Dazu kommen die Kosten für die Kommunikation:Wir müssen telefonieren, manchmal entlang der ganzen Balkanroute, um Infos über die einzelnen Stationen einzuholen, die wir dann weitergeben können. Außerdem wollen wir Flüchtenden einen mobilen Internetzugang zur Verfügung stellen; auch das muss finanziert werden.
Für die öffentliche Spendensammlung dürfen wir den Crowdfonding Account einer befreundeten Gruppe aus Göttingen nutzen, die schon öfter vor Ort waren: https://www.betterplace.org/de/projects/37084-unabhangige-hilfe-fur-fluchtende-auf-der-balkanroute
Wir freuen uns auch, wenn Leute Lust haben unser Soli- T-Shirt zu kaufen. Es wird in den nächsten Tagen fertig und trägt den auf Persisch übersetzten Slogan No Border -No Nation: هیچ مرز هیچ ملیت. Die könnt ihr demnächst erwerben, der Gewinn fließt in unser Projekt. Infos dazu stehen demnächst auf unserem Blog. Hilfreich ist für uns natürlich auch unsere Infos zu streuen – nicht nur während unserer Fahrt, sondern auch danach noch.

Göttingen hilft: Kann man eure Erfahrungen vor Ort auch von hier aus mitverfolgen?

Travelling Bureau: Auf jeden Fall. Wir werden von vor Ort einen Blog betreuen. Dort sollen Berichte, Fotos und eventuell auch Videos zu finden sein. http://travellingbureau.blogsport.eu/

Alle Antworten wurden in den originalen Formulierungen wiedergegeben und nicht von der Redaktion verändert.