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Bericht zum Treffen im Westadtzentrum

Am 16.08. trafen sich auf Einladung der AG Begegnungsorte ExpertInnen und Interessierte, Haupt- und Ehrenamtliche im Weststadtzentrum, um über aktuelle Anliegen in der Göttinger Flüchtlingsarbeit zu berichten und das Thema aus mehreren Perspektiven zu beleuchten.

Am Beginn begrüßte Dr. Karl Gebauer die TeilnehmerInnen und erläuterte kurz, weshalb die AG Begegnungsorte das Treffen für notwendig hielt. Jüngst hätten die Probleme im sogenannten Weißen Haus, das seit einiger Zeit als Unterkunft speziell für Frauen und Kinder bereitsteht, erneut die Wichtigkeit von offener und lösungsorientierter Kommunikation zwischen der Verwaltung, hauptamtlichen SozialarbeiterInnen und ehrenamtlichen HelferInnen aufgezeigt. Die Verhältnisse, die den Unmut der BewohnerInnen und HelferInnen provoziert hatten, wurden inzwischen abgestellt. Ein Sicherheitsdienst ist beauftragt und Ehrenamtliche dürfen ihrer Freiwilligenarbeit im Haus nachgehen. Kommunikationsbereitschaft aller Beteiligten sei daher eine Grundvoraussetzung für ein tragfähiges Konzept in der Flüchtlingsarbeit in Göttingen im Allgemeinen und in der Weststadt im Besonderen.

Dietmar Linne von der Beschäftigungsförderung referierte zur besseren Einordnung die Geschichte der Sozialarbeit in der Weststadt und des Weststadtzentrums und nannte schlaglichtartig einige Begebenheiten aus den 1980er und 1990er Jahren. Daraus sei abzuleiten, dass Göttingen und die Weststadt schon schwierige soziale Situationen erlebt und gemeistert hätten, daher sei davon auszugehen, dass auch künftige Herausforderungen bewältigt werden könnten. Wichtig sei  es vor allem, Ziele und Visionen der Sozialarbeit zu formulieren und alle AkteurInnen ernst zu nehmen und in die Abläufe zu integrieren. Darüber lerne man immer mehr, so dass Flüchtlingsarbeit heute auch in einer anderen Form praktiziert werde als in den vergangen Jahrzehnten. Orientierung, Hilfe und Partizipation seien heute wichtige Prämissen. Zur Frauensozialarbeit in der Weststadt gehörten demnach niedrigschwellige Angebote der gemeinsamen Freizeitgestaltung, die eine sprachliche Weiterentwicklung befördern sollen, so dass berufliche Qualifizierungen der Migrantinnen und weiblichen Geflüchteten in späteren Integrationsphasen angestrebt werden könnten. Hierbei spielten Angebote der Kinderbetreuung eine wichtigere Rolle, als man es früher begriffen habe. Daher werde u.a. dieser Punkt inzwischen stärker berücksichtigt. In Bezug auf das Weiße Haus lobte er, dass die Stadt eine Renovierung der Räume vorgenommen, die Beschäftigungsförderung den Auftrag für die Betreuung der Frauen erhalten habe und Ehrenamtliche in die Arbeit eingebunden würden. Weiterhin sei erfreulich, dass ein Dolmetscherdienst für die Flüchtlingsarbeit in ganz Göttingen mit 14 SprecherInnen relevanter Sprachen aufgebaut werde. Die Qualifizierung der DolmetscherInnen würde durch Mittel nach SGB II gefördert.

Auf die Wortmeldung von Khosrow Djahangiri (Vorstandsmitglied der Zukunfts-Werkstatt), dass die jahrelange Erfahrung dieser Einrichtung in Bezug auf Sprach- und Integrationskurse und -angebote nicht wahrgenommen und erfragt werde, antwortete Linne, dass die Zusammenarbeit zwischen Beschäftigungsförderung und Zukunftswerkstatt verbessert werden solle.

Prof. Dr. Sabine Hess vom Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen, berichtete von Reisen, die sie und ihre MitarbeiterInnen im Rahmen eines Forschungsprojektes nach Serbien und in die Türkei unternahmen. Die Fritz-Thyssen-Stiftung fördert dieses Projekt, das Erkenntnisse darüber liefern soll, welche sozialen Auswirkungen die Schließung der sogenannten Balkanroute mit sich bringt. In ihrem Kurzvortrag verglich sie unter anderem die Unterbringungssituation Geflüchteter in Serbien mit denen hier vor Ort in Göttingen. Ein Eindruck sei, dass in den serbischen Einrichtungen zum Teil hohe Standards für die Unterbringung (besonders von Frauen und Kindern) umgesetzt worden seien, die in Niedersachsen noch nicht erreicht seien. Sie berichtete von UNHCR-zertifizierten Unterkünften, die nach den Bedürfnissen von Frauen und Kindern konzipiert seien. Diese Standards seien auch geboten, denn ihrer Beobachtung nach, seien inzwischen 60 % der Geflüchteten an den Außengrenzen Frauen und Kinder. Flüchtlingseinrichtungen auch andernorts in Europa müssten also auf diese Gruppen mit ihren speziellen Bedürfnissen vorbereitet sein. Weiterhin habe sie aus Gesprächen mit geflüchteten Frauen erfahren, dass Gruppen oder Verbünde aus mehreren Familien und Einzelpersonen als Schutz gegen die vielfältigen Fluchtgefahren dienen. Diese Netzwerke gäben die Frauen nach der Flucht ungern auf, weil sie sich als hilfreich und den Alltag stabilisierend erwiesen hätten. Dies müsse bei der Unterbringung von Neuankommenden durch SozialarbeiterInnen in Erfahrung gebracht und berücksichtigt werden. Flexible Konzepte für unterschiedliche Bedürfnisse, Mitsprache und Mitgestaltung durch die Geflüchteten sollten Prämissen der kommunalen Flüchtlingsarbeit sein.

Über die Arbeit mit geflüchteten Frauen in einer anderen Göttinger Einrichtung, dem ehemaligen IWF am Nonnenstieg, berichtete Conny Hiller von der Betreibergesellschaft Bonveno. Auch sie habe Frauen getroffen, die die Möglichkeit in einer reinen Frauen- und Kindereinrichtung wie dem Weißen Haus zu wohnen, nicht nutzen wollten. Sie vermutet, dass das an den von Frau Hess vorgetragenen Gründen liegt. Frauennetzwerke, die sich gefunden hätten, bieten auch in einer Umgebung mit anderen Geflüchteten Orientierung und Schutz. Außerdem wollten viele, die einmal in eine Einrichtung eingezogen seien, die gerade erkundete Umgebung und die Kontakte zu MitarbeiterInnen und Ehrenamtlichen nicht wieder aufgeben. Doch um die Bedingungen im IWF für Frauen weiter zu verbessern, müssten noch einige räumlich-organisatorische Veränderungen stattfinden. Dies sei in vielen Fällen eine Frage der individuellen Erfahrungen und Gegebenheiten jeder einzelnen Einrichtung. In Bezug auf eine professionelle oder behördliche Handreichung für alle Unterkünfte verwies sie auf ein neues Konzeptpapier des Bundesministeriums für Frauen, Familien, Senioren und Jugend, welches Mindeststandards erarbeitet hätte. 25 Einrichtungen bundesweit nähmen an einem Modellversuch teil, darunter das IWF in Göttingen. Die vom Ministerium in Kooperation mit UNICEF und anderen Verbänden formulierten Standards seien dabei aber lediglich als Leitlinien, nicht als Verordnungen oder gar Gesetze zu verstehen. Dabei handelt es sich – kurz dargestellt – um Schutzkonzepte, die mit BewohnerInnen, MitarbeiterInnen und Sicherheitsdiensten entwickelt werden sollten, um ein verbessertes Personalmanagement seitens der BetreiberInnen der Einrichtungen (Konflikttraining, Verhaltenskodex), um strukturelle interne Normen und Angebote wie Hausordnungen, Beschwerdestellen und Hilfsangebote, um ein klares Konzept im Umgang mit Gewalt und Gefährdungssituationen, um bauliche Maßnahmen (getrennte, abschließbare Sanitäreinrichtungen, Rückzugsräume, kinderfreundliche Räume, Vorhänge etc.), und um eine Kontrolle der Einhaltung all dieser Standards.

Birgit Sacher, Geschäftsführerin des Integrationsrates, hob hervor,  dass es wünschenswert sei, dass diese Leitlinien schnellstmöglich in allen Einrichtungen umgesetzt würden. Frau Hiller stimmte ihr zu und ergänzte, dass viele der erforderlichen Maßnahmen relativ einfach und ressourcenschonend umzusetzen seien.

Die Neuigkeit aufgreifend, dass die Stadt eine Koordinierungsstelle zur Vermittlung zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen zu schaffen plane, gab die nächste Rednerin, Yana Breindl (ebenfalls Bonveno), zu bedenken, dass es eigentlich mehrere dieser Stellen geben müsste, da der Bedarf groß sei. Sie referierte kurz die Aufgaben und Einsatzgebiete von Bonveno, um dies zu unterstreichen. Bonveno betreut ca. 500 Menschen auf den Zietenterrassen, im ehemaligen IWF-Gebäude und in der Einrichtung Europaallee. Seit Januar besteht auch noch eine ambulante Betreuung der Unterkunft in der ehemaligen Voigt-Realschule an der Bürgerstraße. Hier machen die ehrenamtlichen HelferInnen die eigentliche Integrationsarbeit. Probleme in der Vergangenheit hätten sich hauptsächlich daraus ergeben, dass eine gegenseitige Wertschätzung der und ein Verständnis für die jeweilige Arbeit von einerseits Haupt- und andererseits Ehrenamtlichen nicht sofort erreicht wurde. Sie gab zu bedenken, dass den Hauptamtlichen zu wenig Zeit für ihre vielfältigen Aufgabengebiete zugemessen werde. Die Arbeitsbelastung sei sehr hoch. Trotzdem habe man sich inzwischen einen Modus erarbeitet, in dem sowohl Ehren- als auch Hauptamtliche in der Voigt-Realschule gut zusammenarbeiten könnten.

Diese Einschätzung teilten auch die VertreterInnen der Ehrenämtler auf eine Frage aus dem Team der AG Begegnungsorte von Göttingen hilft, ob die Konflikte dort denn endgültig beigelegt seien.

Als letzter Redner des Abends kam Stadtrat und Dezernent Siegfried Lieske noch mal auf das Weiße Haus zu sprechen. Der von Ehrenamtlichen beklagte Zustand des Hauses und die Unterbringungssituation waren für die Stadt nicht absehbar gewesen. Die geschilderten Verhältnisse seinen nicht der Normalfall und hätten durchaus zu einem Lerneffekt auf Seiten der Verwaltung geführt. Er berichtete, dass die Stadt Göttingen das Personal im Bereich Sozialarbeit aufstocken werde. Herr Lieske beschrieb weiterhin, dass nachdem in der heißen Phase der Flüchtlingsaufnahme im letzten Jahr vorrangig eine schnelle Unterbringung aller Geflüchteten für die Stadt im Vordergrund stand, nun verstärkt über die Qualität dieser Unterbringung nachgedacht werde. Auch nach dem zuvor gehörten über die soziale Bedeutung von Gruppen und Netzwerken, möchte die Stadt jedoch von dezentralen Unterbringungen nicht abrücken. Das langfristige Ziel sei es, alle Asylsuchenden in Wohnungen unterzubringen. Für die vorläufige Nutzung von größeren Einrichtungen habe man sich aber beispielsweise im Schützenanger, den bisherigen Erfahrungen entsprechend, für eine Mischunterbringung aus Familien und alleinstehenden Männer entschieden, da diese Wohnform integrierend und als soziales Korrektiv wirkt.

Auf Herrn Lieskes Bericht folgten erwartungsgemäß zahlreiche Wortmeldungen der Anwesenden. Die erste kam von Anne Wagner, AG Begegnungsorte, die die mangelnde Wohnlichkeit des Gebäudes am Schützenanger beklagte. Eine eigene Raumgestaltung durch die BewohnerInnen sei nicht nur nicht möglich, sondern teilweise auch explizit untersagt (z.B. Nägel in den Wänden, um Bilder aufzuhängen). Auch gewohnte kulturelle Praxen auszuleben, wie beispielsweise auf dem Boden zu sitzen oder eigenes Brot zu backen, ginge nicht, da es keine Teppiche und keinen Ofen gäbe. Herr Lieske konnte hier beruhigen und vermelden, dass diese Umstände demnächst behoben werden würden.

Das Thema Wohn- und Lebensformen noch einmal aufgreifend, kritisierte Frau Hiller, die Fixierung auf dezentrale Unterbringungen seitens der Stadt. Es müssten vielmehr graduelle Übergänge von sozialen Wohnformen für die Menschen möglich gemacht werden. Hieran anknüpfend forderte Sascha Schießl (ehrenamtl. Helferteam Voigtschule) eindringlich, dass die interkulturelle Kompetenz der städtischen SachbearbeiterInnen erhöht werden müsse, da es kürzlich zu sehr unverständlichen Raumbelegungsvorgaben gekommen sei, die nicht zuletzt schwangere Frauen in große Bedrängnis gebracht hätten. Herr Lieske fand diesen Wunsch nach humanen Fallentscheidungen nur allzu verständlich und kündigte an, dass diese Themen verwaltungsintern besprochen werden würden.

Jawed Yazdani, Mitarbeiter der Einrichtung am Nonnenstieg (ehem. IWF) erinnerte daran, dass aus den Fehlern der letzten Jahrzehnte in puncto Flüchtlingsarbeit gelernt worden sei. Ein Schlüssel zur erfolgreichen Integration seien Geduld und eine allseitige Bereitschaft zum kulturellen Entgegenkommen.

Karl Gebauer beschloss das Treffen, indem er noch einmal die große Bereitschaft zur Zusammenarbeit aller AkteurInnen hervorhob. Vieles gelinge schon gut, vieles sei auf den Weg gebracht. Göttingen sei eine Stadt, die aufnahmebereit und aufnahmeerprobt sei und Geflüchteten größtenteils ein sicheres Leben biete.