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Der Auszug in Weende – ein persönlicher Erfahrungsbericht aus Freiwilligensicht

Am Montagabend hatte die Verwaltung in einem sehr offenen und konstruktiven Gespräch mit Helfern der Unterkünfte in Weende und im Hagenweg ihre Pläne vorgestellt.

Die Verwaltung berichtete, die Weender Bewohner würden bereits am Dienstagmorgen aus dem Haus ausziehen. Sie hätten alle bereits ihre Kleidung und sonstige Wertgegenstände bei der Schädlingsbekämpfungsfirma zur Benebelung abgegeben um diese dann am Dienstag nach dem Auszug gereinigt entgegennehmen zu können.

Man hat in den letzten Tagen im Hintergrund sehr viel auf Seiten von Stadt und Bonveno gearbeitet und für viele Bewohner akzeptable Lösung finden können. Die Helfer vor Ort aus der Flüchtlingshilfe Weende haben zwar mit einer gewissen Skepsis dies begleitet, aber grundlegend das Verfahren akzeptiert und unterstützt. Es wurde aber deutlich gesagt, dass die Bewohner keinesfalls freiwillig ausziehen möchten, es aber mangels Alternativen für sie keine andere Wahl mehr gibt.

Ein Teil der Bewohner zieht wie angekündigt auf die Siekhöhe, einige andere besondere Fälle haben einen Platz im IWF bekommen. Viele von ihnen bekommen in den nächsten Wochen Wohnungen durch die Stadt zu gewiesen. Hauptsächlich in der neuen Unterkunft Schützenanger.

Am Dienstag war die Situation dann leider doch nicht so wie am Montagabend erhofft. Im Gegenteil sogar: Die Situation vor Ort war sehr schwierig. Ich fuhr als Vertreter von Göttingen hilft durch einen Hinweis am Dienstagmorgen zum Haus in Weende. Beim Eintreffen kam gerade der Notarzt, da ein Bewohner mit Herzproblemen die gesamte Situation nicht bewältigen konnte. Vor dem Haus waren circa 30 Menschen – mutmaßlich aus der linken Szene. Sie blockierten den Eingang des Hauses, damit niemand in das Haus gehen konnte.  Ein inhaltliches Gespräch mit Ihnen war nicht möglich. Die Polizei war mit mehreren Einsatzkräften vor Ort.

Die freiwilligen Helfer vor Ort, die monatelang die Menschen dort unterstützten, hatten bereits in den letzten Tagen mit den Bewohnern alles soweit vorbereitet und den anstehenden Umzug mangels Alternativen unterstützt. Montagabend noch waren sie nach dem oben erwähnten Gespräch mit der Stadt zum vorerst letzten gemeinsamen Abendessen in der Großen Breite und haben mit den Bewohnern über die Ergebnisse des Treffens und den Umzug am nächsten Tag gesprochen.

Leider war zu dem Zeitpunkt als ich für Göttingen hilft am Dienstag vor Ort eintraf keiner der eigentlichen aktiven Helfer der Flüchtlingshilfe Weende anwesend, da sie arbeiten mussten. Es muss hier klar differenziert werden zwischen den “Blockierern” und den Helfern der Flüchtlingshilfe Weende vor Ort.

Von Seiten der Stadt waren Herr Lieske und eine Mitarbeiterin aus dem Sozialamt vor Ort, sowie die städtische Sozialarbeiterin und mehrere Hausmeister. Von Seiten Bonvenos waren die bisher in dem Haus tätigen Mitarbeiter anwesend und kümmerten sich engagiert um die Bewohner.

Herrn Lieske als Dezernent der Stadt Göttingen wurde der Zutritt zum Gebäude durch die “Blockierer” versagt. Auch war man nicht bereit mit ihm zu reden. Einige Bewohner hatten mit Unterstützung der Stadt und der Helfer von Bonveno schon mit ihren am Abend vorher gepackten Sachen das Haus verlassen. Andere Bewohner standen noch im Eingangsbereich und den Fluren der Unterkunft mit ihren Taschen.

Da ich in den letzten Monaten über Göttingen hilft viel Kontakt mit den Helfern der Flüchtlingshilfe Weende hatte und auch einige Bewohnern kannte, versuchte ich mit den “Blockierern” zu reden – mit nicht besonders großem Erfolg. Mir wurde aber der Zugang zum Haus “gestattet” mit dem Hinweis, dass jeder das Haus verlassen könne, der gehen wolle und man niemanden festhalte. Ich bin darauf hin nach Gesprächen und auf Bitten der städtischen Sozialarbeiterin mit dieser durch einen Nebeneingang in das Haus gegangen um mit den Bewohnern selber zu reden und uns einen Überblick zu verschaffen.

Die Situation war aber insgesamt sehr schwierig, da ständig ein “Aufpasser” (so von mir empfunden) der “Blockierer” uns bei dem Versuch mit einigen Bewohnern zu reden ins Wort gefallen ist. Viele Bewohner waren sehr verunsichert. Eine menschlich schwierige Situation, die mich immer noch beschäftigt. Im Hause stellte sich heraus, dass einige Bewohner anders als von den Blockierern dargestellt jetzt ausziehen möchten. Andere allerdings schlossen dies aber tatsächlich in den ersten Gesprächen kategorisch aus. Es war in dieser Situation so gut wie nicht möglich, Gründe hierfür zu erfahren. Am vorigen Tag hatten sich noch alle mit dem Auszug arrangiert.

Wir konnten dann mit einigen Bewohnern, die von sich aus gesagt haben Sie möchten heute ausziehen, das Haus verlassen. Viele Bewohner waren aber unschlüssig ob sie auch gehen sollten. Ein paar folgten den bereits mit uns gegangen. Andere riefen gemeinsam mit einem “Blockierer” aus dem Fenster: “Wir bleiben hier!”

Die Stadt blieb insgesamt besonnen. Zwischenzeitlich wollte man zwar den Umzug schon abbrechen und nur mit einem Teil der Bewohner umziehen. Es hat sich dann aber doch die Ansicht durchgesetzt, dass es gut wäre etwas Geduld zu haben und abzuwarten, ob nicht doch alle Bewohner wie angekündigt von sich aus gehen wollen.

Es spielten sich zwischendurch immer wieder tragische Szenen unter den Bewohnern ab, da einige Bewohner gehen wollten aber anscheinend lieb gewonnene Freunde, die sie nicht im Stich lassen wollten, nicht. Viele der Bewohner fühlten sich in der Zwickmühle. Sie hatten nach intensiven Gesprächen mit den Helfern akzeptiert, dass ein temporärer Auszug aus dem Gebäude nötig ist. Nun wurden ihnen wieder Hoffnungen gemacht, dass sie doch bleiben könnten, was zu starker Verunsicherung unter den Bewohnern geführt hat. Außerdem waren sie sehr dankbar, dass sich andere Menschen so stark für ihren Wunsch nicht ausziehen zu müssen einsetzen und fühlten sich daher wohl auch den “Blockierern” gegenüber verpflichtet.

Nachdem sich die Blockade vor dem Eingang durch die Aktivisten aus irgendwelchen Gründen etwas aufgeweicht hatte, kamen weitere Bewohner mit ihren Koffern aus dem Haus. Glücklicherweise traf dann ein Mitglied der Helfer-Gruppe in Weende ein, die in dieser Situation trotz verbaler Angriffe durch die “Blockierer” zunächst alleine und anschließend gemeinsam mit der Sozialarbeiterin der Stadt mit Bewohner für Bewohner geredet hat. Eine wieder sehr schwere Situation für die betroffenen Helfer. Im Endeffekt haben alle Bewohner bis auf drei das Haus in Richtung der neuen Unterkünfte verlassen.

Ohne das gegenseitige Vertrauen und die Zusammenarbeit der Vertreter von Stadt, Bonveno und der freiwilligen Helfer der Flüchtlingshilfe Weende wäre dies an diesem Vormittag vermutlich nicht gelungen.

Die drei letzten verbleibenden Bewohner sind dann gemeinsam mit den “Blockierern”losgegangen. Man versprach ihnen sich um eine Wohnung für sie zu kümmern. Die Helfer der Flüchtlingshilfe Weende blieben aber mit den dreien in Kontakt, damit Sie gegebenenfalls in einer städtischen Unterkunft ein Dach über den Kopf bekommen, falls die “Blockierer” Ihre Zusage nicht einhalten können.

Einer der drei nahm schon am Nachmittag wieder Kontakt mit den Helfern der Flüchtlingshilfe Weende auf. Schlussendlich mussten alle drei für eine Nacht privat untergebracht werden, da ihre Hoffnungen auf Hilfe durch die “Blockierer” sich nicht erfüllen ließen. Sie sind am Mittwochmorgen dann ebenfalls zu ihren bisherigen Mitbewohnern in die neue Unterkunft auf der Siekhöhe umgezogen.

Ein persönlicher Bericht von Lars Gargulla (Göttingen hilft) und Anne Hein (Flüchtlingshilfe Weende)