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Nachlese des “Cross Culture”-Thementags in der musa am 7. September

Am 7. September fand der “Cross Culture”-Thementag des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur in Kooperation mit dem Kulturzentrum musa statt. Den ganzen Tag widmeten sich verschiedene Vor- und Beiträge der Frage, wie der regionale Kulturbetrieb mit den Veränderungen durch Migration und Flucht, Internationalisierung und Transkulturalität umgehen kann. Die Begrüßungsrede hielt Birgit Sacher vom Integrationsrat. Nachfolgend lesen Sie ihre Rede zur Eröffnung des “Cross Culture”-Tages:

“Sehr geehrte Frau Heinen-Kljajic, sehr geehrter Herr Köhler, sehr geehrte Frau Tiedemann, liebes Team von der Musa, liebe Gäste,
ich freue mich sehr, heute für den Integrationsrat Göttingen eine Begrüßung zu ihrer Tagung „Cross Culture“ halten zu dürfen. Ich gebe aber auch zu, dass ich lange überlegt habe, was ich heute sage. Sehen Sie mir nach, dass die aktuellen politischen Entwicklungen meine „Feder“ geführt haben.
Wie gehen Kulturbetriebe, Kultureinrichtungen und Kulturpolitik mit den gesellschaftlichen Veränderungen in Folge weltweiter Migration und der zunehmenden Internationalisierung um? Wie kann eine interkulturelle Öffnung gelingen? Wie kann diese aussehen? Der Integrationsrat fordert seit vielen Jahren die interkulturelle Öffnung aller staatlichen und freien Einrichtungen, und anders als noch bis Mitte der achtziger Jahre als wir noch das Ziel einer konsequenten Gleichstellungspolitik formuliert hatten, öffneten wir mit dem „Zauberwort“ Interkulturelle Öffnung uns bisher verschlossene Türen und ernteten zumindest Verständnis bis hin zu Zustimmung.
Im Nachhinein befürchte ich, war es ein Fehler, gerade vor dem Hintergrund des „nationalen“ „völkischen „ und rassistischen“ Sumpfes, der in Deutschland immer mehr an Macht gewinnt, unsere Gesellschaft durch die „Kulturbrille“ zu betrachten. Sie birgt viele Gefahren. Lassen Sie mich das kurz erläutern: Die Theorien und Konzepte der „Interkulturalität“ und „Interkulturelle Kompetenz“ wurde und wird seit vielen Jahren in sehr heterogener Weise benutzt. In der Regel verfolgen Sie dem positiven und ernstgemeinten Anspruch, den Bedingungen der Einwanderungsgesellschaft in der Arbeit mit Zuwandern gerecht zu werden und verstehen sich als Form der Antirassismusarbeit. Zumeist unbeabsichtigt aber transportieren sie problematische Vorstellungen und Sichtweisen, die letztlich kontraproduktiv wirken können.
Nach Paul Mecheril (Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim 2004) bergen interkulturelle Ansätze oftmals drei Gefahren:
1. Sie stellen Andere erst her, sie markieren Menschen mit einem Migrationshintergrund (ungeachtet dessen, ob das Subjekt dies als konstitutiv oder relevant für sich und sein Befinden betrachtet);
2. Die erkannte Andersheit wird als kulturelle gelabelt. Es ist die unterschiedliche Kultur, die den anderen zu Eigen ist. Variabel kann die Kultur als „einfach anders“, als rückständig, patriarchal oder auch als begehrenswert exotisch aufgeladen werden;
3. Eine Fixierung auf die Kultur der Anderen und kulturelle Differenzen birgt nicht nur die Gefahr Menschen ungeachtet ihrer Subjektivität auf etwas festzuschreiben, sie auf gewissen Positionen zu verweisen, sondern auch Dominanz und soziale Ungleichheit zu verschleiern. Interkultureller Ansätze und Perspektiven, die das Vorhandensein gesellschaftlicher Machtverhältnisse dethematisieren, setzen diese fort.
Meine Damen und Herren, Sie wissen alle, dass wir ohnehin in einer kulturell pluralisierten Gesellschaft leben, die durch Macht, Geld und Recht, nicht durch geteilte Werte und Normen zusammengehalten wird; kulturelle Unterschiede zwischen sozialen Gruppen bedeuten keine substantielle Infragestellung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes sondern eine Normalität in modernen Gesellschaften und keine Frage des Verhältnisses zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Sie kennen Sie sicher alle, die „Bilder“ und die damit verbundenen Assoziationen von den „Anderen“, „den Deutschtürken und Türken, dessen Loyalität manche glauben, einfordern zu müssen, „dem Islam, der nicht zu Deutschland gehört oder doch?“, den „Kopftuchfrauen“ und jetzt “ Burkiniträgerinnen“ als Opfer patriarchaler Strukturen, den“ Bildungsfernen MigrantInnen, die ihren Kindern nicht helfen können, den „Flüchtlingen, die konsequent zurückgeschoben werden müssen“ , und die Bilder von den jungen und vor allem hormongesteuerten Männern aus Nordafrika und dem arabischen Raum. Die Überbetonung der kulturellen Differenz ist ein Spiel mit dem Feuer.
Trotz Ächtung des Rassismus ist dieser nicht einfach verschwunden. Rassismus ist eine Praxis der machtvollen Unterscheidung zwischen Menschen, die diesen Differenzen über „Abstammung“; „Religion“ oder „Kultur“ konstruiert und zuschreibt. Rassismus legitimiert Herrschaftsverhältnisse und wie wir gerade in den aktuellen Debatten immer wieder erleben müssen, definiert Rassismus wer dazugehört und wer nicht und wer welche Ressourcen und Rechte in Anspruch nehmen kann oder nicht. Nach einer Erhebung des Bundeskriminalamtes gab es im vergangenen Jahr über 1.000 Straftaten gegen Unterkünfte für Flüchtlinge – damit hat sich die Zahl innerhalb einen Jahres verfünffacht. Nach vorläufiger Zählung gab es in 2015 über 12.000 rechtsmotivierte Straftaten. Da die Polizei über Jahre hinweg die Morde des NSU nicht als rechts motivierte Straftaten betrachten wollte, muss diese Statistik Angst machen (Spiegel.de, 28.01.16).
In Altena zündete am 4.10. ein Feuerwehrmann eine Unterkunft an, die Staatsanwaltschaft zählte die Tat nicht als politisch motiviert, da der Mann kein organisierter Neonazi, sondern Feuerwehrmann sei. In Neuperlach wurde am 18. Oktober das Auto einer türkischen Familie mit einem Hakenkreuz beschmiert, die Polizei konnte keinen rechtsextremen Hintergrund feststellten, allerdings ermahnte sie die Familie, das Auto umgehend reinigen zu lassen, da sie ansonsten wegen des Zeigens verfassungsfeindlicher Symbole strafrechtlich belangt werden könne (BR.de, 19.10.2015)
Von den unermüdlichen Aufläufen von Pegida, NPD, AFD, dem Thüringer Freundeskreis etc. wissen Sie ebenfalls. Die Erfolge der AFD bei den Wahlen, die zunehmende Radikalisierung nicht nur des rechten Randes sondern auch aus der Mitte der Gesellschaft bedroht uns alle. Wenn wir heute über einer interkulturellen Öffnung diskutieren, müssen wir mit dem Paradigma brechen, wir „Deutschen ohne Migrationshintergrund“ initiieren Projekte für Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete. Wir sind eine Gesellschaft, und wir müssen sie denken als eine gemeinsame, die gerade massiv bedroht ist. Geflüchtete und Migranten brauchen nicht die Hilfe unserer Einrichtungen, sie brauchen vielmehr Einrichtungen und Institutionen als Teil der Stadtgesellschaft, die für ein bürgerrechtliches Bewusstsein eintreten, dass allen Menschen ihre Grundrechte und ihre Würde gewährt. Ihre und auch unsere Zielsetzung nach gleichberechtigter Teilhabe aller hier lebenden Menschen ist derzeit nicht gesichert. Aber natürlich gibt es einige Ansätze, vor allem in der Organisationsentwicklung, die diesem Ziel näherkommen. Das Ziel der interkulturellen Öffnung bedarf einer klaren Öffnung für „people of colour“ in den Belegschaften der Kultureinrichtungen, angefangen von den Ensembles über die Dramaturgie bis in die Kulturpolitik.
In den Kultureinrichtungen können Modelle, wie z.B. Programmbeiräte oder andere Möglichkeiten, die die Strukturen und inhaltliche Arbeit demokratischer gestalten, hilfreich sein.

Diskussionsprozesse auf Augenhöhe und rassismuskritische Ansätze brauchen gleichberechtigte Partner, gestatten Sie mir daher noch einige kurze Anmerkungen zur Situation in Göttingen. Wir haben in Göttingen ungefähr 30 Migrantenselbstorganisationen, die im weitesten Sinn soziokulturell aktiv sind. Bis auf 5 Gruppen, die über eigene Räume und ein wenig Infrastruktur, auch mit Unterstützung anderer Einrichtungen verfügen, führen diese Gruppen ein wahres Schattendasein, in irgendwelchen Hinterzimmern oder privaten Räumen. Eine institutionelle Unterstützung existiert nicht eine Projektförderung ist auf den Höchstbetrag von 500,00€ pro Projekt begrenzt. Sehr geehrte Damen und Herren, ich muss Ihnen nicht sagen, welche Möglichkeiten sich mit einem Betrag von 500,00€ für ein Projekt/eine Veranstaltung eröffnen. Wir haben auch das Haus der Kulturen, ein Kulturzentrum, hier um die Ecke, von Migrantinnen und Migranten gegründet und autonom verwaltet. Seit vielen Jahren kämpft das Haus der Kulturen mit Hilfe von Projektmitteln um seine Existenz. Eine institutionelle kommunale Förderung besteht bisher nicht. Natürlich würden wir uns auch über eine Landesförderung freuen.
Viele Menschen mit Migrationshintergrund, KünstlerInnen , Kulturschaffende, MusikerInnen unterschiedlichster sozialer und kultureller Hintergründe in den Göttinger Kultureinrichtungen, in der Musa, dem KAZ, dem Jungen Theater und Deutschen Theater aktiv und zu Hause. In den Göttinger Kultureinrichtungen haben bereits und finden viele Prozesse der interkulturellen Öffnung statt. Ich bin mir sicher, dass wir heute den Prozess weiter fortführen. Sie haben ein sehr spannendes und ambitioniertes Programm gestaltet. Vielleicht können wir einige der genannten Aspekte in den Diskussionen wieder aufnehmen. Ich möchte aber noch kurz den Organisatoren für die heutige Veranstaltung ganz herzlich danken.
Vielen Dank für Ihre Geduld”