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Tosender Beifall für „Such mich!“

Such mich! heißt der zweite Film, den Jugendliche des Boat People Projekts gemeinsam mit den Göttinger Filmemachern „Bildwerfer“ produziert haben.

Aus dem Kino Lumière berichtet: Estela Blohm

 

Der Saal ist brechend voll, tosender Beifall, schrille Pfiffe: im Lumière läuft der Abspann von Such mich!, dem neuen Film des jungen Boat People Projekts. Auf der Bühne strahlen die stolzen Schauspieler_innen. Unter Ihnen ist auch Saleh. Im Film sitzt er auf einem Jägerhochsitz und trägt eine Militärjacke. Aus dem Off erzählt er, wie er vor dem Militärdienst in Eritrea geflohen ist. Er zieht die Jacke aus und rennt. Mit jedem Schuss, der auf ihn fällt, teilt er sich, bis er sechs Mal über das Feld rennt.

Die Jugendlichen stammen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia und Göttingen. Zusammen spielen sie Theater und erzählen die Geschichten ihrer Flucht und des Lebens in Deutschland. „Es ist schwer, darüber zu sprechen, manche können das nicht“, erklärt Saleh. „Für mich ist das okay. Ich habe meine Idee mitgebracht und dann haben wir die Szene gespielt.“

Saleh ist 18 Jahre alt und lebt seit einem Jahr in Göttingen, stammt aber aus Eritrea. Von dort floh er durch den Sudan, durch Libyen, übers Mittelmeer nach Italien und später nach Deutschland. „Die politische Lage in Eritrea ist sehr schlimm. Jeder Mann muss zum Militär und weiß nicht, wie lange er dort bleibt oder ob er überlebt“, erzählt er. Das Militär beschäftigt ihn sehr.

 

Schießbefehl an den Grenzen

 

Anfang des Jahres führte die Gruppe das FLUTLICHT-Boat People Song Projekt im Theater am Nonnenstieg auf. Auch damals trug Saleh die Militärjacke und marschierte auf der Bühne. „Ich will, dass der Krieg aufhört!“, forderte er. Später wärmten sich alle am Lagerfeuer, das er mit seiner Jacke entzündete. Saleh sang ein Lied auf Tigre, seiner Muttersprache, das übersetzt „Morgen“ bedeutet. Es klingt fröhlich, die anderen tanzten dazu. „Eigentlich ist es ein trauriges Lied. Aber ich singe es fröhlich, damit die Leute wissen, dass ich nicht traurig bin.“

In Eritrea wird die Politik allein vom Machthaber Isayas Afewerki bestimmt. Das Militär ist immer präsent, selbst nach Ende des 30-jährigen Unabhängigkeitskrieges von Äthiopien. Noch immer gibt es Grenzkonflikte. Regimekritische Eritreer, die das Land verlassen, vor dem Militärdienst fliehen und im Ausland Asyl beantragen, müssen fürchten, ohne rechtsstaatliche Verfahren inhaftiert zu werden. Unzählige Menschen werden derzeit gefangen gehalten, gefoltert oder sind verschwunden. Trotz Schießbefehl an den Grenzen, fliehen jedes Jahr zehntausende Eritreer wie Saleh ins Ausland.

 

Keine Spur Traurigkeit

 

Such mich! zeigt aber auch unpolitische Geschichten aus dem Leben der Jugendlichen. „Früher habe ich in einem Restaurant gearbeitet. Einmal ist ein schönes Mädchen hereingekommen. Als sie mich anlächelte, ließ ich die Teller fallen“, lacht Saleh. Die Szene ist im Film nachgestellt.

Später möchte Saleh Schauspieler werden. „Früher habe ich gerne Comedy gespielt. Jetzt muss ich erst mal zur Schule gehen und Deutsch lernen,“ erzählt er lachend in flüssigem Deutsch.

Nach dem Film werden alle gedrückt, geknuddelt und geknutscht. An positive Rückmeldung sind Darsteller gewöhnt: „Den Leuten gefällt es immer. Unsere Geschichten berühren sie“. Der Film Morgenland hat 2015 sogar den deutschen Menschenrechts Filmpreis gewonnen.

Nun herrscht im Kino ein großes Durcheinander. Freunde und Familie sind da, jeder kennt jeden, alle Essen gemeinsam. Von Traurigkeit ist hier keine Spur.

 

Der Text entstand als Übungsreportage im Kurs »Journalistische Praxis: Printmedien« der Zentralen Einrichtung für Sprachen und Schlüsselqualifikationen an der Georg-August-Universität Göttingen.

 

Weitere Beiträge der Reihe:
Bewegung, die verbindet (25. Mai)
Gemeinsam essen – gemeinsam helfen (30. Mai)
Willkommen am Klausberg! (14. Juni)